Turbulenzen als Chance

Tilman Speck, Geschäftsführer von PLAN F, stellt sich Fragen zur Krise an den internationalen Finanzmärkten
Als hätten die opulenten Feuerwerke mit Raketen und Böllern all überall auf der Welt zum Jahreswechsel nicht ausgereicht, hat das neue Jahr selbst mit einem Paukenschlag an den internationalen Kapitalmärkten begonnen. Die chinesischen Konjunkturaussichten verschlechterten sich deutlich und der chinesische Aktienmarkt brach zum Jahresauftakt regelrecht ein. Davon wurden auch die europäischen Märkte in Mitleidenschaft gezogen – der Euro Stoxx 50 erlitt in der ersten Handelswoche einen Verlust von 7,2 Prozent und der deutsche Leitindex DAX gab um 8,3 Prozent nach.
Tilman Speck, Diplom-Volkswirt und Geschäftsführer von PLAN F GmbH erklärt im Interview weshalb Anleger nicht in Panik verfallen sollen und warum mehr über Positives an den Aktienmärkten gesprochen werden muss.

Bedenke aber, dass alles zu zweien ist in der Welt, Stück und Gegenstück,
damit man es unterscheide, und wenn neben dem einen das andere nicht wäre,
so wären sie beide nicht.
Ohne Leben wäre kein Tod, ohne Reichtum die Armut nicht,
und käme die Dummheit abhanden, wer wollte von Klugheit reden?

Thomas Mann

Die Finanzmärkte haben auf die jüngst erfolgte, abrupte Währungsabwertung des Renminbi mit extremer Nervosität und Kursstürzen reagiert. Was halten Sie von den Entwicklungen?

Schwankungen an der Börse sind vollkommen normal, selbst wenn sie zum Jahresbeginn erfolgen.
Erfahrene Anleger wissen, dass auch in steigenden Märkten unterjährige Schwankungen von 20 Prozent die Regel sind. Entscheidend ist das übergeordnete Bild im Auge zu behalten und da stimmt alles unverändert.
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Wie konnte es zu dieser Entwicklung kommen?

Es hat sich gezeigt, dass es im Anlagebereich selten einen geraden Weg gibt. Dass die Weggabelungen meistens von extern aufgebaut werden. Die größten Veränderungen sind in der Finanzwelt meist staatlicherseits erfolgt. So auch in China. Immerhin hat es sich dort die politische Führungsriege auf die Fahnen geschrieben, die chinesische Währung Renminbi zur Leitwährung zu machen. Das sind politische Diktate, die die Wirtschaft beeinflussen. Vorhersagen lässt sich eine weitere Entwicklung dabei selten, aber langfristige Beobachtungen geben Hinweise. So waren bereits im vergangenen Jahr zwei Themen dominierend: Das Anleihekaufprogramm („Quantitative Easing“) der EZB und die massiven Konjunktursorgen in Fernost. Das Anleihekaufprogramm der EZB regte die allgemeine Marktentwicklung an, die Konjunktursorgen versetztem dem einen steten Dämpfer. Überrascht hat, wie sich die unterschiedlichen Aktiensektoren in diesem Zug entwickelt haben. Normalerweise gewinnen zyklische Titel – wie z.B. Banken und Industriewerte – in einem positiven Marktumfeld deutlich mehr als der Gesamtmarkt, während defensive Titel deutlich abgeschlagen hinterherkommen. 2015 war es aber genau umgekehrt: Ganz vorne waren defensive Titel während zyklische Titel der allgemeinen Marktentwicklung nicht folgen konnten. Diese unterschiedliche Wertentwicklung spiegelt den Effekt der entgegengesetzten, dominierenden Faktoren wider: Alle Aktien konnten von der expansiven Notenbankpolitik profitieren, aber, vor Allem zyklische Werte waren von der China-Krise betroffen.

Worauf müssen Anleger angesichts der unzähligen negativen Statements jetzt blicken?

Wenn Anleger das Gefühl haben, dass die Kapitalmärkte ins Bodenlose fallen, sollten sie sich fünf Fragen stellen:
1. Ist die globale Wirtschaft durch China und den Ölpreis gefährdet?
Meine Antwort: Nein
2. Ist die US-Wirtschaft und Europa an der Schwelle zur Rezession?
Auch hier antworte ich mit Nein
3. Steigen die US-Zinsen stark an?
Das beobachte ich nicht
4. Werden die Gewinne der Unternehmen in 2016 fallen?
Ich bilanziere: Nein
5. Sind internationale Aktien auf relativer und absoluter Basis überbewertet?
Da kann ich sagen: Mit Ausnahme einzelner Märkte: Nein

Wenn also alle diese Fragen, wie geschehen, mit Nein beantworten werden, von mir oder von den Anlegern selbst, dann wissen Sie genauso gut wie ich, dass es sich bei diesem Szenario um eine Korrektur im Aufwärtstrend handelt.

Das heißt, Sie hätten als Finanzexperte anders auf das Geschehen reagiert?

Ja, denn für mich handelt es sich hier um Überreaktionen. Hier führt mehr die Psychologie als die tatsächliche Entwicklung der Realwirtschaft Regie. Tatsache ist, dass China über Jahrzehnte als „Vorreiter“ galt. Was in China passierte, zog alle anderen Entwicklungen mit und nach sich. Dies stimmt in dieser Absolutheit nicht mehr. China befindet sich in einem Change-Prozess. Das einstige „Dauerwunder“ mit investitionsgetriebenen, zweistelligen Zuwachsraten wandelt sich zu einer Volkswirtschaft, die ihre Wachstumskraft zunehmend aus wachsendem Binnenkonsum, Innovation und einer starken Dienstleistungsbranche zu schöpfen versucht.

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Haben Sie Geduld bei Ihrer Geldanlage

Die globalen Finanzmärkte stellen Investoren momentan auf eine harte Probe, da der Fokus immer stärker auf den wirtschaftlichen Aussichten Chinas liegt. Doch obwohl fallende Märkte beunruhigend sein können, kann Ihnen eine langfristige Perspektive dabei helfen, besser mit der erhöhten Volatilität zurechtzukommen.
Normalerweise reagieren Investoren sehr emotional auf verunsicherte Kapitalmärkte. Risikoreiche Wertpapiere werden aufgegeben, wenn die Kurse sinken, und Investoren warten auf mehr „Sicherheit“.
Diese Markttiming-Strategien können unterschiedliche Formen annehmen. Eine Strategie besteht darin, Marktaustritte aufgrund von Vorhersagen und Prognosen zu planen und dadurch genau zu den Zeitpunkten zu verkaufen, wenn die Märkte „überkauft“ sind, und dann wieder einzusteigen, wenn alle Zeichen darauf deuten, dass die Märkte „überverkauft“ sind.
Eine mögliche zweite Strategie besteht darin, die chinesische Wirtschaft, ihre Geldpolitik sowie globalen Handels- und Investmentverbindungen ausführlich zu analysieren und dann im Anschluss verschiedene Szenarien durchzuspielen, wie sich diese Probleme auf die globalen Märkte auswirken könnten.
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Wofür benötigt man einen Finanzberater?

Eine vorherrschende Meinung lautet, dass Berater über einzigartige Einblicke in die zukünftige Entwicklung der Finanzmärkte verfügen, und ihren Kunden damit einen Vorteil verschaffen können. Tatsächlich erfüllen Finanzberater eine Vielzahl an unterschiedlichen Funktionen – die Rolle eines Wahrsagers befindet sich jedoch nicht darunter.
Tatsache ist, dass niemand voraussagen kann, wie sich Finanzmärkte als Nächstes bewegen werden. Und wenn jemand in der Tat eine funktionierende Kristallkugel hätte, ist es unwahrscheinlich, dass diese Person als Finanzberater, Broker, Analyst oder Finanzjournalist arbeiten würde.
Es gibt jedoch immer noch einige Personen, die der Meinung sind, dass es die Aufgabe eines Beraters ist, Jahr für Jahr Renditen zu erzielen, die den Marktdurchschnitt schlagen. Im Allgemeinen sind dies die gleichen Kunden, die guten Rat gleichsetzen mit der Fähigkeit, genaue Vorhersagen treffen zu können.
In Wirklichkeit ist der Mehrwert, den Ihnen ein Finanzberater bieten kann, nicht von der Lage der Märkte abhängig. Ganz im Gegenteil – der Wert eines Beraters wird besonders in Zeiten hoher Marktvolatilität deutlich, wenn Emotionen hochkochen.
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